
Die Vereinszeitung des Altonaer Fußball-Clubs von 1893 – eine reiche (und jüngst digitalisierte) Quelle der Sportgeschichte*
Die „Vereins-Zeitung des Altonaer Fußball-Clubs von 1893 e. V.“ erschien seit 1907 und ist eine bedeutsame Quelle der Fußball- und Sportgeschichte. Die Jahrgänge 1907 bis 1923 der Clubzeitung sind kürzlich von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky digitalisiert und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Aufrufbar sind die Digitalisate unter https://resolver.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN1922956422.
„Alle unsere Mitglieder wundern sich selbst darüber, daß wir jetzt erst, nach voll dreizehnjährigen Bestehen, dazu kommen, eine eigene Vereinszeitung herauszugeben.“1 Mit diesen Worten beginnt am 4. Januar 1907 die erste Ausgabe der Vereinszeitung des Altonaer Fußball-Clubs von 1893. Die Idee von Vereins-Mitteilungen reiche weiter zurück, wie denn auch „sehr oft über dieses Thema“ gesprochen worden sei. 1894 hatte es sogar bereits kurz eine frühe Vereinszeitung gegeben, die aber schnell wieder eingestellt worden war. Die Verwunderung ob der bis dahin nicht vorhandenen Clubzeitung speiste sich aus der im frühen Fußball tragenden Rolle des Altonaer Fußball-Clubs – kurz AFC und seit der Zeit um 1910 auch Altona 93 genannt. Der Club stieß maßgeblich die Gründung des Hamburg-Altonaer Fußball-Bundes im Oktober 1895 an, konnte drei Mal von 1898 bis 1900 die Hamburg-Altonaer Meisterschaft erringen und schaffte es 1903 bis ins Halbfinale um die erstmals vom DFB ausgerichtete die Deutsche Meisterschaft. Der AFC, dessen Mannschaft in markanten schwarz-weiß-roten Trikots spielte und der sich damit unübersehbar zum kaiserlichen Deutschland bekannte, machte sich im ganzen Land und sogar im Ausland einen Namen und gehörte 1900 zu den Gründungsmitgliedern des DFB.2
Die Mitglieder des AFC entstammten einem bürgerlichen Milieu und betätigten sich häufig als Kaufleute. Ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie vielfach ins Ausland gingen und häufig dauerhaft auswanderten. Dies betraf mit Franz Behr 1904 eine der treibenden Kräfte des Vereins.3 Behr hatte den AFC 1893 mitbegründet, führte die Mannschaft als torgefährlicher Stürmer und Kapitän zu sportlichen Erfolgen, war langjähriger AFC-Vorsitzender, hatte den Vorsitz des 1895 ins Leben gerufenen Hamburg-Altonaer Fußball-Bund inne und bekleidete 1903/04 sogar das Amt des 2. DFB-Vorsitzenden. Sein Weggang 1904 stellte für den AFC einen herben Verlust dar, der mit etwas Verzögerung maßgeblich die Gründung der Vereinszeitung anstieß.
Die AFC-Vereinszeitung informierte ab 1907 ausführlich über die sportliche Entwicklung des Clubs, mit einem Schwerpunkt auf der ersten Mannschaft. In jenem Jahr wechselte der Stürmer Adolf Jäger zu Altona 93 und wurde im folgenden Jahr Nationalspieler. Zudem eröffnete der AFC 1908 in Bahrenfeld sein eigenes Stadion, das seit 1942 und bis heute den Namen „Adolf-Jäger-Kampfbahn“ trägt. Die Vereinszeitung beteiligte sich ebenfalls an der eigenen Geschichtsschreibung und veröffentlichte hierzu immer wieder Artikel.4
Neben der direkten Berichterstattung über die aktuellen sportlichen Ergebnisse bietet die AFC-Vereinszeitung viele Informationen über die nationale und auch internationale Entwicklung des Fußballs und Sports. In der eigens eingerichteten Rubrik „Postkarten-Grüsse“ berichteten die auswärtigen Mitglieder über viele Facetten des Lebens bei Ihnen vor Ort und ebenfalls über den dortigen Fußball und weiteren Sport. Franz Behr sah beispielsweise 1912 in „St. Paulo“ (São Paulo) „ein vorzügliches Meisterschaftsspiel“ vor rund 10.000 Zuschauern.5 In Brasilien gab der vorherige Vereinsvorsitzende allerdings das Fußballspielen auf und widmete sich dem Tennis – und dem Konsum von alkoholischen Cocktails. Seinen jüngeren Bruder Walter Behr zog es ebenfalls zwischenzeitlich nach Brasilien, aber vor allem nach Spanien, wo er sich in Barcelona selbstständig machte und 1907 als rechter Verteidiger des FC Barcelona sein fußballerisches Können demonstrierte.6 Ernst Hanssen, der Bruder des dreimaligen DFB-Nationalspielers Karl „Bubi“ Hanssen, schrieb am ausführlichsten aus Brasilien. Sein „Brasilianischer Brief“ aus dem Jahr 1912 konstatiert, der Fußball sein in Brasilien „stark im Aufblühen“ und informiert insbesondere über Porto Alegre, damals eine Stadt mit rund 100.000 Einwohnern, darunter ein Drittel Deutsche.7
Weitere, nach Altona gesendete und in der Vereinszeitung zitierte Postkarten stammten aus Japan, Shanghai, Haiti, und damit fast aus aller Welt. Auch der deutsche Kolonialismus wird immer wieder berührt. 1908 feierte der Deutscher Fußballclub Swakopmund sein zweijähriges Bestehen, wobei in Altona entdeckt wurde, dass dort mit H. Schuldt ein ehemaliges Mitglied aktiv war.8 Eine Ausgabe der AFC-Vereinszeitung erreichte besagten H. Schuldt in der deutschen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, in der die deutsche Kolonialherrschaft genau in dieser Zeit (1904-1908) einen Völkermord an den Herero und Name verübte.9 H. Schuldt revanchierte sich, indem er zum Dank „eine drollige Photographie einer Kaffern-Werft“ nach Altona sendete („Kaffern“ war ein zeitgenössischer, kolonial-rassistischer Begriff für Schwarze).
Diese wenigen Beispiele sollen genügen, um den (sport-)historischen Wert der AFC-Vereinszeitung vor Augen zu führen. Nicht nur für Forschungen zur engeren Hamburger Fußballgeschichte könnte ein Blick in diese Quelle lohnen. Bisweilen finden sich auch prophetische Vorhersagen über die Stellung des Fußballs in der Zukunft wie folgendes Zitat aus dem Jahr 1910: „Dieses Spiel verspricht der populärste Sport zu werden. Das ist leicht begreiflich, denn mit dem Aufenthalte im Freien, in frischer Luft verbindet das Fußballspiel die Eigenschaft äußerster Unterhaltsamkeit. Das Fußballspiel ist ein Kampfspiel, das die Jugend, die nun einmal zum Messen ihrer Kräfte neigt, besonders anzieht.“10
* Der Bericht erschien zuerst in: SportZeiten. Sport in Geschichte, Kultur und Gesellschaft 26 (2026), Heft 2, S. 104-106.Ich danke dem geschäftsführenden Herausgeber Lorenz Peiffer für die Erlaubnis, den Text hier online zu veröffentlichen.
Anmerkungen
1 Vereins-Zeitung des Altonaer Fußballclubs von 1893 e.V. (im Folgenden AFC-Vereinszeitung) 1 (1907), Nr. 1, S. 1. Dort auch das folgende Zitat.
2 Zur Geschichte des AFC siehe Norbert Carsten, Altona 93. 111 Ligajahre im Auf und Ab, Göttingen 2003; Folkert Mohrhof, Altonas Fußballgeschichte 1893-1933. Altona 93 und seine lokale Fußball-Konkurrenz, Hamburg 2018.
3 Zu Franz Behr siehe jetzt Lars Amenda, Franz Behr. Altonaer Fußballpionier, Hamburg 2026.
4 P[aul] Meisner, Die Geschichte des Altonaer Fußball-Clubs von 1893, e. V., in: AFC-Vereinszeitung 1 (1907), Nr 1, S. 2-3; ders., Die Geschichte des Altonaer Fußball-Clubs von 1893, e. V. (Schluß), in: AFC-Vereinszeitung 1 (1907), Nr. 2, S. 3-4; 20 Jahre A. F.-C., in: AFC-Vereinszeitung 7 (1913), Nr. 6, S. 13-21;
5 Postkarten-Grüße, in: AFC-Vereinszeitung 6 (1912), Nr. 9, S. 19-20, hier S. 19.
6 Postkarten-Grüße, in: AFC-Vereinszeitung 1 (1907), Nr. 9, S. 3.
7 Ernst Hanssen, Brasilianischer Brief, in: AFC-Vereinszeitung 6 (1907), Nr. 6, S. 7-9 (Zitat S. 7); ders., Brasilianischer Brief, in: AFC-Vereinszeitung 6 (1907), Nr. 8, S. 11-12.
8 Postkarten-Grüße, in: AFC-Vereinszeitung 2 (1908), Nr. 1, S. 4.
9 Postkarten-Grüße, in: AFC-Vereinszeitung 2 (1908), Nr. 10, S. 6. Dort auch das folgende Zitat.
10 AFC-Vereinszeitung 4 (1910), Nr. 1, S. 1.