Magdeburger Velocipeden-Club

Magdeburger Velocipeden-Club von 1869

Der Magdeburger Velocipeden-Club auf einem von ihm veranstalteten Fest am 4. Januar 1873 (Quelle: Deutscher Radfahrer Bund 7. 1894, S. 27).

 

 

Vor 150 Jahren gründete sich in Magdeburg einer der ersten und wichtigsten deutschen Radfahrvereine 

 

Am 21. November 1869 berichtete die Magdeburger Lokalpresse über ein denkwürdiges Ereignis – die Gründung des Magdeburger Velocipeden-Clubs von 1869 (MVC) drei Tage zuvor. Aus diesem Anlass veranstaltete der blutjunge Verein ein pompöses Fest im Victoria-Theater, dessen Höhepunkt der Auftritt eines „Mr. James“ aus Kopenhagen darstellte. Dieser führte verschiedene Kunststücke auf dem Veloziped vor und überwand „im laufenden Galopp“ meterhohe Hindernisse und „schwebende Barrièren“. Das zahlreiche Publikum war begeistert bedachte ihn dafür mit „nicht endenwollenden Bravos“. Mr. James hieß in Wirklichkeit anders und stammte aus Hamburg, was seinem artistischen Können aber keinen Abbruch tat.

Bereits im Frühjahr 1869 hatten einige Anhänger des aus Frankreich kommenden vélocipèdes – mit einer Tretkurbel am eisenbeschlagenen hölzernen Vorderrad versehen – sich in der Elbestadt zusammengefunden. Gemeinsam übten sie in einem „Exercierschuppen“ das „Reiten“ auf den rund 30 Kilogramm schweren, unhandlichen Velozipeden. In anderen deutschen Städten (wie Hannover, Hamburg, München, Berlin) hatten sich schon im Frühjahr Velozipeden-Vereine gegründet, die bald aber von den Magdeburgern in den Schatten gestellt werden sollten.

 

Carl Hindenburg (Quelle: Radfahr-Humor 6.1893)

Um dem ersten Vorsitzenden, dem Kaufmann Carl Hindenburg (1820-1899), richtete der Club regelmäßig große Radfahrfeste mit einem ausgefeilten Unterhaltungsprogramm aus. Auf den Festen des MVC feierte sich das städtische Bürgertum selbst und inszenierte sich als technik- und fortschrittsgläubig. Das anspruchsvolle Kunst- und Reigenfahren (in einer Gruppe) entwickelte sich zum Aushängeschild des Clubs. Der tatendurstige Verein sorgte für eine erhebliche Nachfrage für die teuren Gefährte, weshalb der Braunschweiger Hersteller Heinrich Büssing Ende 1869 die damals beträchtliche Zahl von 180 Velozipeden nach Magdeburg lieferte. 

Die prunkvollen Feste des Clubs hatten zumeist einen karikativen Charakter. Zu Weihnachten 1870 beschenkte der MVC 80 beispielsweise Magdeburger Familien, deren Väter und Männer als Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg kämpften und demonstrierte damit seine nationale Einstellung. Bis 1881 nahm der Club mit seinen Festen die stattliche Summe von 12.000 Mark ein und ließ sie Bedürftigen zukommen.

Während andernorts, bis auf München, das Interesse am modischen Veloziped schnell wieder nachließ, hielten die Magdeburger eisern daran fest. Mit dem Hochrad nahm das Fahrrad ab 1880 wieder deutlich Schwung auf und die Magdeburger waren mit ihren damals 70 Mitgliedern inmitten des neuerlichen Aufbruchs. 1883 fand ein ein großer Radfahrer-Kongress mit Rennen im dafür eigens geschaffenen „Werder Renn-Park“ statt. Im Folgejahr gründete sich schließlich der Deutsche Radfahrer-Bund, als dessen erster Vorsitzender Carl Hindenburg ernannt wurde, nicht zuletzt um die Pionierleistungen des Magdeburger Velociped-Clubs zu würdigen. 

Das Veloziped und das Hochrad ebneten den Weg für das moderne, luftbereifte Fahrrad der 1890er Jahre, das eine regelrechte Fahrradmode um die Jahrhundertwende auslöste. Um den Magdeburger Velocipeden-Club wurde es nun ruhiger. Der Club existierte noch bis 1945 – in jenem Jahr wurde er in der Sowjetischen Besatzungszone aufgelöst.